Kirche als Mensa: Umbau bis September

Stiftung bietet „profanes“ Denkmal künftig auch als Treffpunkt an / Wertvolle Fenster brauchen Schutzglas

Die Frist läuft: Am 11. September soll die alte Christ-König-Kirche als neue Schulmensa und Versammlungsraum in Betrieb genommen werden. Es ist die erste weltliche Umnutzung eines Sakralbaus im Oldenburger Münsterland.

Der Altar und die Bänke sind verschwunden, der Boden ist nur noch staubiger Beton. Dennoch herrscht in der „profanierten“ Christ-König-Kirche selbst ohne Weihe-Status eine andächtige Atmosphäre: Die bunten Fenster des Chagall-Schülers Max Ingrand aus Paris beleuchten selbst an einem regnerischen Nachmittag den laufenden Umbau mit biblischen Bildern. Die künstlerischen Originale, zusammengesetzt aus mehreren Tausend einzeln bemalten Glasfragmenten, bleiben dem Denkmal erhalten, wenn ab dem 11. September in der neuen Mensa bis zu 275 Kinder und Jugendliche aus der Förderschule und dem Wohnheim des St. Vincenzhauses tafeln. Ein kleiner Andachtsraum neben dem Speisesaal dient weiter religiösen Zwecken. Die Orgel versteckt sich gerade hinter einer Staubschutz-Folie. Die alten Bänke werden rund ums Kirchenschiff auf einem Wandabsatz neu positioniert. Aus den Kniebänken haben die Beschäftigten der Caritas-Werkstätten Engelfiguren geschnitten, die am Tag der offenen Tür am 20. September verkauft werden sollen. Den Erlös hat die Stiftung dringend nötig, denn: Die Baukosten von über zwei Millionen Euro sind zwar sicher finanziert, aber bei der Planung habe niemand mit einer Restaurierung der Fenster gerechnet, räumt Josef Wolking, der Vorstand der katholischen Trägerstiftung, ein. Neben den heiklen Reparaturen der 1965 eingebauten Fenster ist teilweise eine Schutzverglasung vorgesehen, die neue Schäden verhindern soll. Zur Finanzierung dieses Extras hat Wolking selbst zur Kamera gegriffen und die gläsernen Gleichnisse fotografiert: Ein kleiner, selbst gemachter Bildband soll verkauft werden. Mit den strahlenden christlichen Bildern könnten auch die Kinder mehr anfangen als mit langen Bibeltexten, sagt Wolking: „Das ist ein besonderer Schatz.“ Zugleich öffnen sich die ehemalige Kirche und das St. Vincenzhaus Erwachsenen. Kleine Konzerte, Lesungen oder Tagungen von Gästen sind erwünscht. Wo einst der Altar stand, ist eine schlichte Bühne vorgesehen. Die jahrzehntelange Isolation der Einrichtung ist längst durchbrochen: Das St.Vincenzhaus setzt auf Öffnung und Austausch, der beiden Seiten nütze, betont der Vorsitzende. So sind inzwischen alle vier Grundschulklassen der Förderschule an städtische Grundschulen ausgelagert, worüber Wolking nach eigenen Worten glücklich ist: Kinder mit ganz verschiedenen Leistungsvermögen und Voraussetzungen lernen im Alltag einen selbstverständlichen Umgang miteinander. Im umgebauten Kirchenraum, so die Hoffnung, können Erwachsene einen Schritt auf die Kinder und Jugendlichen zugehen. „Früher wusste doch niemand, was hier im Haus passiert“, sagt Wolking dazu. Optisch wird die Öffnung am Umbau des alten Mitteltrakts deulich: Eine verglaste Front zum bisher kaum genutzten Innenhof bildet nach der Sanierung den zweiten Zugang, der in ein bescheidenes, aber offenes Foyer mündet. Dahinter ragt ein kleiner kantiger Turm auf, der den Fahrstuhl aufnimmt: Damit wird das St. Vincenzhaus endlich frei zugänglich für gehbehinderte Jugendliche und Gäste. Bis zum Herbst soll zudem der neue Klassentrakt etwa 200 Meter entfernt von der bestehenden Förderschule fertig werden. Acht Unterrichtsräume, eine kleine therapeutische Praxis und eine Wohngruppe entlasten dann das zu eng gewordene Hauptgebäude. In der Mensa hallt es derweil noch. Akustik-Paneele sollen den kommenden Kinderlärm dämmen. Das alte Problem, einen derart großen und hohen Razum, Kosten sparend zu heizen, löst Architekt Ulrich Tilgner aus Bremen mit einem Thermik-Trick: Wand- und Fußbodenheizung sollen eine halbwegs stabile warme Luftschicht schaffen, die nur zweieinhalb bis drei Meter hoch reicht. Die historischen Fenster können zwar nicht gedämmt werden. „Dafür brauchen wir aber auch keine Extra-Entlüftung mehr bauen“, berichtet Wolking. Denn oben zieht‘s ohnehin…

Zeitungsartikel der MT vom 10.01.2020

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